Die spontane Wunderheilung

Geld oder Natur

Ich bin erfolgreicher Geschäftsmann. Ich verdiene Millionen und ich bekomme sie auch. Ich bin das obere Ende der Nahrungskette.

Was immer ich will, das bekomme ich – Geld, Frauen, feindliche Unternehmen. Wo ich hoble, da fallen Späne, träge Mitarbeiter, Konkurrenten. Wo ich Hand anlege, da wachsen Firmen, Optimierungsprozesse, Gewinne.

Was macht mich so erfolgreich? Ich lasse mich nicht von flotten Sprüchen blenden und schaue hinter die Kulissen, habe die Eier für schnelle Entscheidungen, mache keine faulen Kompromisse und schlage zu, wenn ich eine günstige Gelegenheit rieche.

Der zweite Herzinfarkt lies mich aufhorchen.

Ich bin der Mann für optimierte Prozesse ohne Zeitverlust – doch plötzlich bin ich gezwungen, im Krankenhaus zu verweilen. Ich bin der Mann mit dem großen Schritt – jetzt legt man mir nahe, kürzer zu treten. Ich bin der Mann, der sagt, wo es langgeht – und plötzlich stehe ich still.

Als ich von der spontanen Wunderheilung las, roch ich den Braten bereits. Aber etwas in mir war schwach und wollte wünschen, glauben, hoffen.

Ich fühlte mich, als ob ich einen Brief an den Weihnachtsmann schreiben sollte, und doch beobachtete ich voller Erstaunen, wie ich die abtrennbare Postkarte von dem grünen Prospekt mit meinen Daten ausfüllte und wegschickte.

Eine horrende Summe sollte ich überweisen, und ich zögerte keinen Augenblick, dies zu tun. Ich erklärte mich für wahnsinnig, aber ich wollte mich nicht einweisen lassen. Ich schrieb es als Lehrgeld ab, obwohl ich längst ausgelernt hatte. Schließlich war ich derjenige, der dem Leben sagte, wie es zu sein hatte. Und wo das Leben sich weigerte zu kooperieren, da half ich mit Geld nach.

Ein paar Tage später jedenfalls fingen die geheimnisvollen Nachrichten an, mein privates Handy zu infiltrieren. Ich nahm an, dass diese zum Programm der lächerlichen Wunderheilung gehörten. Ich nahm mir vor, sie zu ignorieren und meine kindliche Hoffnung nach einer spontanen Wunderheilung schnellstmöglich wieder einzutauschen gegen meinen alten, knallharten Kurs durch das Haifischbecken. Doch wenige Stunden später entschied ich mich dazu, die Nachrichten mit Spott und Verachtung zu lesen, um wenigstens zu sehen, wofür ich mein Geld zum Fenster hinausgeworfen hatte.

Zigaretten und Schnaps waren über die Jahre hinweg zu meinem Treibstoff geworden. Ich sollte sie aufgeben. Woher wusste der unbekannte Sender dieser Botschaften von meinen Gewohnheiten? Und warum sollte ich mir etwas sagen lassen? Ich war nicht der Typ, der sich unterordnete.

Also beschloss ich, in Eigeninitiative damit aufzuhören. Ich sah es als Optimierungsprozess. Ich hab es eigentlich nie damit übertrieben. Ich hatte beispielsweise nie einen Filmriss. Ich war nie davon ausgegangen, dass diese Genussmittel etwas zu meinen Herzinfarkten beigetragen haben könnten.

Verschiedene Aufgaben und Forderungen wurden auf diesem zweifelhaften Weg Tag für Tag an mich herangetragen. Wie unsinnig diese Texte waren. Ich kaufte Blumen, trank Wasser mit frischgepresster Zitrone, joggte und ging ins Theater. Jedes Mal lachte ich und schüttelte den Kopf im Unverständnis über meine Bereitschaft, den unsinnigen Botschaften Gehör zu schenken. Ich vergeudete Zeit.

Und wo blieb die Wunderheilung? Und wie spontan war sie nach diesen Tagen noch?

Dann sollte ich einen Ort aufsuchen, an dem der Schatz auf mich wartete, sowie der Wunderheiler höchstpersönlich.

Eine Schatzsuche!

Wofür hielt man mich? Als wär ich ein Kind, das sich mit leuchtenden Augen und einem Rucksack voller Pfadfinder-Utensilien auf den Weg macht, einen Schatz zu finden.

Ich nahm den Flieger. Der konnte jedoch nicht in den Bergen landen, also hatte ich jede Menge Fußweg vor mir.

Der Weg war beschwerlich. Ich fluchte, riss mir an Felsen und Rankenpflanzen die Beine auf und holte mir Blasen. Ich rutschte einen Hang hinab und war überall dreckig.

Die Vögel schienen sich über mich zu amüsieren, sowie die Steinböcke in der Ferne und die summenden Bienen. Selbst das Gras rauschte vergnügt im Wind, der mir heiter um die Ohren wehte. Die Sonne lachte.

Wie beschrieben fand ich die Bank auf dem Berg, mitten im Nichts. Hier oben an der frischen Luft gab es nur Wiesen mit duftenden, bunten Blumen, einen kleinen Bach mit klarem, kalten Wasser und die wilde, ungezähmte Natur.

Ich setzte mich auf die Bank und wartete mit Wut im Bauch auf den Wunderheiler. Ich überlegte mir, was ich ihm alles an den Kopf werfen würde, bevor ich endlich wieder zur Tagesordnung übergehen könnte.

Ich wartete. Nach einer Weile warf ich einen Blick auf das Handy, denn der Wunderheiler ließ auf sich warten. Ich hatte kein Netz.

So blieb mir nichts anderes übrig, als meine Umgebung zu betrachten und weiter zu warten.

Die Zeit verstrich, scheinbar ereignislos. Mein Ärger verflog. Und eine Heiterkeit erfüllte mich, über die ich gerade noch verächtlich lachen wollte, doch sie war einfach stärker. Es war mir unerklärlich. Plötzlich atmete ich tief durch und wurde durchflutet von einer unerklärbaren Freude und Leichtigkeit.

So blieb ich eine Weile sitzen. Ich vergaß den Wunderheiler komplett. Ich fühlte mich wie erleuchtet. Vielleicht ein Sonnenstich?

Ich wurde vollkommen verrückt. Ich zog mich komplett aus und rannte lachend über die Wiese, sprang in den kalten Bach, sang mit den Vögeln und ich schrie und weinte. Emotionen überwältigten mich und beraubten mich meiner Verstandes-Herrschaft. Mein Stolz wich einer tiefen Demut. Ich war ein kleines Kind auf dem Wickeltisch der Natur. Und ich liebte es! Ich liebte die Natur und mich selbst, so hilflos ich mich fühlte. Freiwillig gab ich Verstand und Kontrolle ab und übergab mich in Liebe und Vertrauen dem Leben.

Mein Opfer wurde angenommen. Und vergolten!

Ich spare mir die Details. Es kam niemand. Ich ging. Und kam so schnell wie es ging wieder. Ich zog in die Berge, verkaufte alles, was ich besaß und tauschte meine Macht und meinen Reichtum gegen ein Leben am Puls der Natur. Tatsächlich fühlte es sich an, als würde ich jetzt erst beginnen zu leben.

Ich bade jetzt täglich in Glück und Liebe, singe und lache und tanze. Ja, vielleicht bin ich verrückt.

Aber vielleicht erlag ich auch einfach einer spontanen Wunderheilung.

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