Inkognito

Gargoyle

Die unvollendete Story „Inkognito“, angesiedelt im Bereich Dark Fantasy, war ursprünglich geplant als Fortsetzungsgeschichte für eine Gruppe von Schreibern.

Sie war jedoch so gruselig, dass sich niemand getraut hat, sie fortzusetzen… Vielleicht mache ich das ja eines Tages selber.

Inkognito

Vajira und Dorjan knieten im Ritualraum, der sich versteckt im Keller befand. Die groben steinigen Wände waren behangen mit roten Tüchern, auf denen ein goldener magischer Kreis aufgestickt war. Die Symbolik war ihnen noch fremd.

Räucherwerk verbreitete eine schwere Note, die Tische an den Seiten waren voll mit flackernden Kerzen und rituellen Werkzeugen. Die Waffen waren womöglich echt, überlegte sich Vajira.

Die Atmosphäre war feierlich, gleichzeitig auch angespannt. Es war ein wichtiger Augenblick. Die Schatten tanzten an der Wand.

Sie knieten vor dem Pult, an dem ihr Lehrer Candro in einer weißen Robe mit Kapuze ein Ritual vollzog. Heute sollten sie zu Reisenden werden.

Jeder von ihnen hatte einen großen Spiegel hinter sich an der Wand. Diese würden als Portal in eine andere Welt dienen. Soweit hatten sie es verstanden.

In den letzten Tagen hatte er ihnen viel beigebracht.

Ein Crash-Kurs.

Von der Geisterwelt, welche die sichtbare Welt durchzieht und von astralen Geschöpfen bewohnt wird – Geistern, Göttern und Teufeln. Von den anderen Welten, die neben der unseren existierten, und dass man sie bereisen kann. Von der Magie, die es dazu braucht. Von den Ritualen und Werkzeugen, die dazu notwendig sind. Dass es nicht um weniger ging, als die Welt zu retten!

Geisterwesen gäbe es in Formen von Menschen, Tieren, Pflanzen, Steinen und in anderen unvorstellbaren Formen. Manche ließen sich vielleicht als Verbündete gewinnen, mit anderen ließe sich vielleicht handeln, andere wären nur darauf aus, in die Irre zu führen, zu schaden oder Profit aus unserer Unwissenheit zu schlagen.

Hätte man ihnen vor kurzem erzählt, dass sie diese Dinge ernst nehmen würden, sie hätten nur gelacht. Doch in den letzten Tagen war viel passiert.

All die scheinbaren Unfälle in ihrem Leben, die jedes Mal gefährlicher wurden. Tiere, die sich plötzlich in Bestien verwandelten und sie anfallen wollten. Düstere und bedrohliche Gestalten, die plötzlich da waren und dann wieder nicht. Die Alpträume.

Candro benutzte den goldenen Schlüssel, um das Pulver aus Lupinen, Wacholder und Misteln in den drei Beuteln aus Leinen aufzuladen. Er hatte es uns erklärt: Magie braucht immer einen Fokus; einen Gegenstand, der die Energie überträgt und immer wieder verwendet werden kann. Und dann bedarf es noch Zutaten, die bei dem Ritual verbraucht werden würden.

Je nach Ritual wären bestimmte Foki besser oder schlechter geeignet, und natürlich mussten es die richtigen Zutaten sein. Man konnte hier variieren, aber sie hatten noch nicht gelernt, worauf es hier zu achten galt.

Es war Candro, der ihnen beiden das Leben rettete. Das Gerüst, welches wegen Renovierungsarbeiten am Gebäude der Bäckerei befestig worden war, in welcher sie alle drei „zufällig“ aufeinander getroffen waren, brach ohne Vorwanung über ihren Köpfen ein.

Dorjan sagte später, er habe auf der anderen Straßenseite eine dieser Gestalten gesehen; wie ein etwas deformierter Mann in einem Frack und mit einem Zylinder auf. Doch eher wie eine nebelhafte Figur als klar und deutlich sichtbar.

Der große und kräftige Mann mit den unnatürlich wirkenden weißen Haaren und einem Vollbart ergriff Vajira und Dorjan und stürtze sich mit ihnen auf einen großen Spiegel, der direkt neben dem Eingang der Bäckerei, über dem Gerüst aufgestellt gewesen war. Er selbst hatte dafür gesorgt und hatte ihn vorbereitet. Er hatte dies kommen sehen.

So sind sie nicht einfach gegen einen Spiegel gelaufen, der an einer Hauswand stand, sondern stürzten durch ein Portal in Candros Haus. Plötzlich lagen sie zu dritt auf einem schweren Teppich mit orientalischen Mustern mitten in einem großen Landhaus, das wie der Zeit entrückt im viktorianischen Stil eingerichtet war, hinter sich ebenfalls wieder ein großer Spiegel in einem schweren Rahmen aus Eisen.

Seit dem war alles anders.

Weil sie die Gabe hätten, sagte er. Weil sie für Mächte eine Gefahr darstellten, von denen sie noch nie gehört hatten, und mit denen sie sich auch nie hätten anlegen wollen.

Und die Zeit drängte.

Er hätte sie lange gesucht und dabei viel Zeit verloren. Er befürchtete, es wäre bereits zu spät.

Es gab andere wie sie, sagte er. Er hatte sie notdürftig ausgebildet, mehr schlecht als recht, und auf die Reise geschickt, das Beste hoffend.

Wir waren die letzen.

Vajira und Dorjan trugen eine Shamu, eine scheinbar simple Kappe, auf dem Kopf. Tarnkappe, sagte Candro oft mit einem Lächeln; wir wären damit ‚inkognito‘ unterwegs. Er wollte ihnen später mehr dazu erzählen.

Doch jetzt nahm Candro die Kapuze ab und beugte sich vor, um ihnen die Leinenbeutel zu überreichen, mit deren Hilfe sie eine erste Reise in eine andere Welt unternehmen sollten.

Etwas Unvorstellbares geschah in diesem Augenblick.

Ein Schlag schien das ganze Gebäude zu treffen. Ein Wesen wie aus einem Alptraum stieg aus dem Spiegel hinter Candro. Es kam gebeugt durch den Spiegel und richtete sich auf, seine langen Arme und Beine von sich streckend. Der Körper wie ein Chitinpanzer, der aus einzelnen Gliedern bestand. Eine unnatürlich dünne Wespen-Taille teilte den ansonsten muskulös und schwer wirkenden Körper. Schwarzer Staub begleitete seinen Auftritt und breitete sich im Raum aus.

Sein Gesicht war fern allem Menschlichen, böse rote Augen strahlten daraus hervor, ein großes Maul mit scharfen Zähnen öffnete sich wütend.

Alles geschah wie in Zeitlupe.

Das Monster stieß Candro gegen das Pult und riss ihn dann an sich. Dabei verlor Candro im hohen Bogen einen der Leinenbeutel. Er flog gegen den Spiegel, der hinter Dorjan stand und benetzte ihn mit seinem Inhalt, zusätzlich zu einer Schicht von schwarzem Staub. Der Spiegel kippelte bereits durch den starken Ruck, der durch das Gebäude gegangen war.

Dorjan schaute zu Vajira rüber. Sie sah den Horror in seinen Augen. Sie musste gelähmt vor Angst mit ansehen, wie der Spiegel hinter ihrem Kameraden das Gleichgewicht verlor und mit seinem ganzen Gewicht nach vorne stürzte.

Der Spiegel schlug ungehindert auf dem Boden auf und verschluckte Dorjan, bevor er dann laut in tausend Scherben zerbarst.

Das grässliche Wesen hielt Candro in seinen übergroßen Krallen und verschwand mit ihm im Spiegel.

Dann stürmte es plötzlich wieder heraus, ohne Candro. Es stand direkt vor Vajira, die vollkommen bewegungsunfähig dazu verdammt war, tief in die bösen roten Augen zu versinken.

Das Monster verharrte, schien sie aufmerksam zu betrachten. Dann lachte es plötzlich hämisch, so klang es jedenfalls. Es drehte sich um und verschwand erneut im Spiegel.

Stille.

Vajira blieb alleine zurück, gelähmt und in Panik. Sie bemerkte nicht, das die meisten Kerzen umgefallen waren und anfingen, den Ritualraum in eine tödliche Falle zu verwandeln.

Momente später griffen ihre zitternden Hände verzweifelt an ihren Kopf. Sie zogen ihre Kappe vom Kopf.

Aus den Augenwinkeln nahm sie im Spiegel vor sich eine Bewegung war.

Das dämonische Wesen war dort zu erkennen, halb transparent, wie es dieser Seite des Spiegels den Rücken zuwandte, aber den Kopf drehte, als würde es hinter sich etwas wahrnehmen.

Mit einem Satz drehte es sich um und schein erneut mit voller Kraft durch den Spiegel springen zu wollen, es schrie aus Wut und Hass.

Es machte einen Satz. Vajira schloss die Augen. Tausend Splitter regneten durch den Raum.

Wieder Stille.

Der Geruch von verbranntem Stoff ließ Vajira schließlich die Augen wieder öffnen. Sie war allein.

Sie wusste nicht wie, aber irgendwie kam Energie zurück in ihren Körper und ihr Geist begann entgegen aller Vernunft wieder zu arbeiten.

„Shamu“, flüsterte sie. Sie hielt verkrampft die Tarnkappe zwischen ihren weißen Fingern. Schnell setzte sie diese wieder auf. Intuitiv begriff sie, dass die Kappe ihr das Leben gerettet hatte.

Einen Augenblick lang blickte sie noch hilflos auf das Chaos um sich herum, dann stürmte sie zu der einzigen Tür im Raum.

Sie schaute die Treppe hoch – oben brannte es bereits lichterloh. Es schien keinen Ausweg zu geben. Vajira schlug die Tür wieder zu.

Ohne wirklich zu wissen was sie tat, rannte sie im Raum umher. Was konnte ihr jetzt noch helfen?

Planlos griff sie nach einer kleinen Kristallkugel. Ihre Wahrnehmung veränderte sich. Die Welt schien ein Stück weit zurück zu treten und eine neue Welt trat hervor: Mitten in den Flammen tanzten kleine Wesen, die in Vajiras Augen wie Feuergeister aussahen. Verwirrt steckte sie die Kugel einfach in ihre Tasche. Diese Wesen waren ihr jetzt sicher keine Hilfe. Ihre Augen kehrte zurück in diese Welt.

Sie griff sich eine kleine goldene Sichel. Mit einer Waffe fühlte sie sich ein winziges bisschen sicherer.

Die Leinenbeutel!

Die Luft wurde schwer zu atmen. Sie hustete.

Sie nahm den Leinenbeutel, öffnete ihn und warf ihn so gegen den Spiegel. Das Pulver verteilte sich auf ihm. Den anderen, noch übrig bleibenden Beutel steckte sie ebenfalls ein, sowie eine kleine Tasche aus Leder, die noch auf dem Tisch lag. Sie hatte keine Ahnung, was sich darin befand.

Der Rauch im Raum wurde langsam undurchdringlich, biss in ihren Augen und Lungen.

Ein letztes Mal schaute sich Vajira noch um. Oben, auf der anderen Seite der Tür, polterte es. Etwas schien die Treppe runter zu kommen.

Vajira zögerte nicht weiter. Sie sah ihre einzige Überlebenschance darin, sich in den Spiegel zu stürzen und zu hoffen, er würde sie an einen besseren Ort bringen.

Mit Kraft warf sie sich dagegen – nein, hindurch!

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