Neuanfang

Gasmaske

Ludwig verließ den Raum, der ihm gleichermaßen als Labor und Werkstatt diente. Heute morgen schon hatte er ein weiteres Radio in Gang gebracht. Der Wertstoffsammler hatte das Gefühl, dass heute ein ganz großer Tag werden würde.

In seiner Fantasie hingen Kronleuchter von der Decke, die das Haus erhellten. Bequeme mit Stoff überzogene Möbel standen im Wohnzimmer.

„Ich bin so froh, dass ich Dich hab, mein kleiner Engel“, sprach er in Gedanken.

Das vorgestellte kleine Mädchen auf der gemütlichen Couch zog nur eine Grimasse, bevor es das Gesicht in ein großes Kissen vergrub. Ludwig musste lächeln.

Er drehte sich zur Küche, wo die Frau an einer vor Sauberkeit blizenden Spüle Geschirr wusch. Mit ihrer neuen Dauerwelle drehte sie sich zu ihm um und lächelte.

„Ich muss jetzt zur Arbeit“, teilte er ihr mit.

„Komm bald zurück, Liebling“, sagte sie herzlich.

Er küsste die Luft vor ihm.

Die Fantasie verblasste und ließ ihn zurück in einem staubig grauen und fast leerem Haus. Im Wohnzimmer stand ein Klappstuhl und ein halb verkohlter Holztisch. Ein Radio stand darauf. Eine Kerze und eine Schachtel Streichhölzer lagen daneben.

Ludwig zog seinen Resistech-Mantel an, die Handschuhe aus dem gleichen Material und setzte sich die Gasmaske mit der Schutzbrille auf. Er nahm seinen Stock zur Hand und marschierte nach draußen.

Vor ihm lag eine Welt in Trümmern. Der letzte Krieg, finanziert durch den eingeflüsterten, unstillbaren und ununterbrochenen Konsumwahn der großen Masse, hatte die komplette Welt in die Endzeit katapultiert.

Die Landschaft war ein gigantisches Feld aus Schrott und Müll zwischen Ruinen von Häusern und Fabriken.

Mit seinem Stock untersuchte Ludwig die Dinge zuerst. Man konnte nicht vorsichtig genug sein. Die wenigen verseuchten Ratten, die es gab, brachten einen qualvollen Tod, wenn man von ihnen gebissen würde.

Was nach der ersten Begutachtung weiterhin wert erschien untersucht zu werden, wurde vorsichtig mit den Handschuhen angefasst und umher gedreht. Im Mantel hielt Ludwig Schnüre und Säcke bereit, um gefundene Wertstoffe zu transportieren.

Er suchte Stunde um Stunde.

Er fand eine alte Spielzeug-Puppe, kaputt und angeschmort. Welch sonderbare Gefühle sie in ihm auslöste. Sowohl alptraumartige Schauer, die ihm über den Rücken liefen, Wut und Trauer, wie auch Gefühle von Nostalgie und Geborgenheit. Seine von ihm eingebildete Tochter würde sich über die Puppe freuen, dachte er sich. Vielleicht fände er irgendwann eine weitere, mit der er diese reparieren könnte.

Die Vorstellung von einer Familie und einem lebendigen zu Hause bewahrten ihn vor dem Wahnsinn. Er lachte leise. Vielleicht machte sie ihn auch wahnsinnig, dachte er. Er verstaute die Puppe und suchte weiter.

In einer Ruine fand er eine Dose voller Spulen aus Kuperdraht. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Was für ein Schatz!

Mehr noch: in dem Raum, der offenbar mal eine Küche gewesen war, fand er in einer gut verschlossenen Kiste ein noch eingeschweißtes Pfund Kaffee und eine Dose Hundefutter.

Ludwig jubelte und tanzte. Dies war wirklich ein besonderer Tag. Mit den erbeuteten Wertstoffen tanzte er übermütig aus dem Haus und trat vor Freude gegen einen kaputten Kanister, der im weiten Bogen davon flog.

Dann beugte sich Ludwig nach unten. Konnte es sein?

Direkt vor seinen Füßen, eben noch begraben unter dem Kanister, wuchs etwas Grünes. Ludwig ging aufgeregt auf die Knie. Am liebsten hätte er die Gasmaske mit der Schutzbrille abgenommen, um das zarte Gewächs genauer in Augenschein nehmen zu können. Aber er widerstand der Versuchung.

Dennoch – es bestand kein Zweifel. Vor ihm wuchs neues Leben. Es war ein Baum. Es würde eine Birke werden. Er erkannte die Form der Blätter, die er schon in einem Buch gesehen hatte.

Hierfür würde er zurückkommen müssen. Er konnte die Pflanze, die ihm bis zum Knöchel ging, nicht sicher bergen und transportieren, entschied er. Aber er konnte auch nicht darauf vertrauen, dass die Birke hier lange überleben würde. Morgen würde er hierher zurückkehren.

Alarmiert durch Geräusche kam Ludwig ganz schnell wieder auf die Beine. Mit beiden Händen umfasste er seinen Stock und schlich vorsichtig und auf alles vorbereitet um die nächste Ecke.

Auf alles vorbereitet? Bei diesem Anblick schossen ihm Tränen in die Augen. Wenige Meter vor ihm wühlte ein junger Hund im Müll und suchte etwas Essbares.

Ludwig wollte vor Glück schreien. In seinen Augen, waren sie wahnsinnig oder nicht, formte sich das Bild von Familienzuwachs. In Zukunft würde er sich wohl nicht mehr alleine aus Hundefutterdosen ernähren.

Was für ein glücklicher Tag!

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.