Von Achtsamkeit und Freiheit

Kuh

Dieser Kurs in Achtsamkeit war eine Offenbarung gewesen. Ich spürte die Maschine unter mir wie nie zuvor.

Die gewaltige, kontrollierte Kraft unter meinem Arsch, eine fast gezähmte Killer-Maschine, bewegte mich mit Leichtigkeit schnell und sicher über den Asphalt. Geil.
Ich nahm die Vibrationen unter mir wahr, den Wind um mich herum, das Adrenalin in meinem Körper.

So geht Freiheit!

Schön durch das kleine Örtchen flitzen. Am Rande meiner Wahrnehmung nahm ich die Idylle wahr, wie sie verschwommen an mir vorbei zog.
Früher war das alles ein unwichtiges Grün für mich, der Beachtung nicht weiter wert. Jetzt stachen aus der Verschwommenheit immer wieder klar und deutlich Bäume heraus, Pferde, Menschen. Ich hatte das Gefühl, das nächste Mal vielleicht schon jeden einzelnen Grashalm sehen zu können.
Landluft. Ich spürte, wie mein Gesicht ganz von selbst ein Grinsen formte.

Achtsamkeit. Sie machte einen neuen Menschen aus mir.

Es ging geradeaus. Die Geschwindigkeit nahm zu. Ich spürte den Rausch anwachsen.

Das nächste kleine Örtchen. Kuhwiesen und Schweineställe, der kleine Laden, die Ein-Mann-Sparkasse. Ich sog alles auf mit meinem neuen Bewusstsein.

Achtsamkeit und Freiheit. Was für eine Kombination. Ich spürte mich atmen.

Frank kannte sich hier aus und fuhr vor. Er führte mich in eine lange sanfte Rechtskurve, angenehm zu fahren. Überholte mit einem lässigen Schlenker das Auto, das sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielt. Ich sah auch in ihm den Rausch und das Gefühl der Freiheit, als er auf Höhe des Wagens entspannt den linken Arm zur Seite ausstreckte und mich nach vorne winkte. Also kein Gegenverkehr.

Ich beschleunigte mein Monster und spürte, wie die Kraft unter mir zunahm.
Es fühlte sich an wie ein Lebewesen. Wild und frech. Und es bockte!
Die Achtsamkeit ließ mich diesen winzigen Ruck ganz genau wahrnehmen, der durch die Maschine und damit gleichzeitig durch meinen Körper ging.

Plötzlich fuhr ich geradeaus.
Die Klarheit nahm zu. Nichts war mehr verschwommen.
Pures Adrenalin floss durch meine Blutbahnen.

Bei dieser Geschwindigkeit über eine unebene Wiese zu rasen und meine Killer-Maschine unter Kontrolle zu halten erforderte meine ganze Konzentration.
Ich dachte nicht mal daran zu bremsen, bei all den unerwarteten Eindrücken, die plötzlich auf mich einprasselten.

Den Zaun der Kuhweide nahm ich erst wahr, als ich über den Stacheldraht hinweg katapultiert wurde. Während ich mich zweimal im großen Bogen überschlug, nahm ich ganz genau wahr, wie es überall in mir knirschte und knackte. Wie die Maschine schrie, weil sie keinen Boden mehr unter den Rädern hatte. Ich nahm sogar wahr, wie die Kühe glotzten.

Dann lag ich. Ein paar endlose Augenblicke war ich ganz für mich, losgelöst von Zeit und Raum. War das Freiheit?

Eine Frau war da. Ob ich Schmerzen hatte.
Jede Zelle in meinem Körper schrie in Agonie und versuchte, in eine andere Richtung zu entfliehen. Es fühlte sich an, als würde ich gleich zerreißen.
Sie rief etwas zur Straße. Notruf.

Dann war Frank da. Ich spürte, dass sein Rausch vorbei war. Seine Freiheit endete in einem Gefängnis aus Angst. Ich übernahm seine Angst und mein Rausch ließ nach, das Adrenalin wurde abgebaut, die Schmerzen nahmen zu.

Frank verscheuchte die Kühe, die neugierig näher kamen. Ich konnte seine Verzweiflung förmlich riechen.

Angst und Schmerzen. Verfluchte Achtsamkeit. So genau nahm ich alles wahr. Angst wurde zu Todesangst. Ich will nicht sterben.

Die Zeit setzte sich neben mich und Sekunden wurden zu Stunden.

Irgendwann waren dann die Helfer da. Ja, schreckliche Schmerzen. Bitte helft mir!

Die Schmerzen ließen nach, was für ein Segen. Mit meiner ganzen Achtsamkeit nahm ich wahr, wie dadurch auch meine Achtsamkeit abnahm. Macht das Sinn?
Gleichzeitig bekam ich wieder mehr von ihr, da sie nicht mehr von den Schmerzen gefangen genommen wurde.

Ich brachte eine gewisse Distanz zwischen mich und meinem Körper, als ich sah, wie die Wolken über mir langsam und friedlich den blauen Himmel überquerten.

Das war Freiheit.

Zeit verging, aber ich hatte kein echtes Gefühl mehr für Zeit. Sie schien zu einer anderen Welt zu gehören. Ich stand in meiner Motorrad-Kluft in einem Raum aus Licht und blickte zurück. Durch eine Tür sah ich die Kuhwiese auf der ich lag.

Langsam knüpfte ich meine Jacke auf, ganz intuitiv, während ich nach draußen blickte. Lange überlegte ich, ob ich zurückkehren wollte. Dort war mein Leben, meine Freunde, meine Familie. Liebevoll und achtsam dachte ich an meine Frau und die Kinder.

Aber die Entscheidung wurde mir abgenommen. Während ich nun auf der anderen Seite – in der anderen Welt – in einem Operationssaal lag, umringt von Ärzten und Assistenten, schloss sich ganz langsam und allmählich die Tür.

Eine Last fiel von mir ab.
Ich wandte mich ab und ging.

Freiheit.

Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Ich war in dem Auto gewesen und derjenige, der den Notruf gewählt hatte. Doch der Mann erlag Stunden später seinen schweren Verletzungen.

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