Wo nie ein Mensch zuvor gewesen ist

Galaxie

Ganz tief im Inneren war Samuel Forer-Weiss heute so aufgeregt wie in seinem ganzen Leben noch nicht. Er hatte sein ganzes Leben der Entwicklung des Antriebs gewidmet, welcher in Zukunft Raumschiffe durch das Weltall bewegen sollte. Er wurde nach ihm benannt: der Forer-Weiss-Antrieb.

Äußerlich war er hoch konzentriert und absolut fokussiert. Jetzt durfte ihm kein Fehler mehr unterlaufen. Dann könnte er noch heute sein Werk als abgeschlossen betrachten. Die Konstruktion, für die er Jahrzehnte benötigt hatte, könnte in wenigen Stunden in noch nie bereiste Sektoren des Alls fliegen und noch vor nächster Woche wieder zurück sein.

Es war kein Raumschiff im eigentlichen Sinn, nur der Antrieb mit einer Ummantelung. Forer-Weiss ging durch die Gänge aus kaltem Metall und überprüfte ein letztes Mal alle Systeme. Seine Schritte hallten dabei geisterhalft durch die Konstruktion.

Der unerwartete Besuch von Inspektor Randolf brachte ihn aus dem Konzept und die mathematischen Formeln, die bisher ununterbrochen vor seinen Augen einen harmonischen Tanz aufgeführt hatten, verblassten und zerfielen wie alte trockene Kekse. Der Verwirrung gesellte sich Wut dazu. So kurz vor der Vollendung seines gesamten Lebensinhaltes konnte der Ingenieur keine Ablenkung brauchen. Es war ihm auch egal, ob Randolf seinen Erfolg mit ihm feiern wollte oder im letzten Moment bewilligte Förderungsgelder zurückziehen wollte – er betrachtete Randolf als Feind.

„Was wollen Sie hier?“, fragte er daher schroff und kniff die Augen zusammen. Fast wollte er die Zähne entblößen.

„Ihr Projekt wird eingestampft“, sagte der Inspektor emotionslos informativ, als hätte er über das Wetter in einer weit entfernten Steinwüste gesprochen.

„Das Projekt ist fertig“, entgegnete Forer-Weiss triumphierend. Niemand konnte ihm diesen Erfolg mehr nehmen, der Inspektor war zu spät gekommen. Die Wut steigerte sich ins Unermessliche, wollte Randolf doch scheinbar sein Lebenswerk zerstören. Doch die Schadenfreude, dass ihm dies nicht mehr gelingen könnte, überwog. Er nahm einen tiefen Atemzug der Siegessicherheit und hörte selber, wie sein ganzer Körper dabei zitterte. Seine Augen funkelten.

„Das ist unwichtig“, wischte Randolf die Erfolgsnachricht achtlos zur Seite. „Bereits jetzt ist ihre Technologie veraltet. Der Jakobs-Antrieb hat das Rennen gemacht. Er ist weitaus effizienter.“

„Jakobs“, spuckte Forer-Weiss verächtlich aus. Sie waren einst Kollegen gewesen. Aber Jakobs hatte stets nur das Geld im Kopf gehabt, Forer-Weiss ging es um den Fortschritt der Menschheit.

Langsam kam er auf den Inspektor zu, seitlich, als wolle er nicht unnötig Angriffsfläche bieten. „Der weiß doch gar nicht, was er tut“, behauptete er und fragte argwöhnisch: „Wann fand der Testflug statt?“

Der Inspektor schüttelte den Kopf. „Noch gar nicht“, sagte er gleichgültig. „Dennoch: Es ist bereits beschlossen. Die Berechnungen geben Jakobs einfach Recht.“

Randolf betätigte eigenmächtig den Not-Aus-Schalter, der in schnellstmöglicher Zeit alle Systeme herunterfahren sollte, ohne Energieausbrüche zu riskieren. Damit zerbrach auch etwas in Forer-Weiss.

Der Inspektor drehte sich zu ihm um und schaute ihm in die Augen. Dort schien er etwas zu erkennen, an das er sich vage erinnerte: Emotionen.

Verständnis zeigte sich auf seinem Gesicht. Er schloss die Augen und nickte, als er versuchte einen Akt der Menschlichkeit zu simulieren.

„Das ist jetzt sicher nicht leicht für sie“, sagte er in einem ruhigen Ton und machte etwas, was er wohl für eine entschuldigende oder mitfühlende Geste hielt.

Niemand hatte Forer-Weiss je gefragt, wozu der große, grüne Knopf war, der direkt neben dem roten Not-Aus-Schalter angebracht worden war. Bis auf die Farbe waren sie identisch.

Forer-Weiss schlug entschlossen auf den grünen Knopf.

Ein Alarmton erklang.

„Was tun Sie?“, fragte Randolf verwirrt. Mit dem Drücken des Not-Aus-Schalters war für ihn die Sache unwiederruflich beendet gewesen, ohne dass es ein Zurück gegeben hätte.

„Der Not-Start“, flüsterte Forer-Weiss. Seine Stimme zitterte dabei vor Adrenalin, dass er sich selbst kaum verstand. Der Triumpf flutete all seine Blutgefäße. „Er überschreibt sogar den Not-Aus“, fügte er hinzu und bemerkte, wie stark sein ganzer Körper zitterte vor Aufregung. Er konnte kaum noch stehen, und er genoss den Rausch.

Dies sollte der Punkt seines Triumphes werden. Er würde der Welt beweisen, dass sein Antrieb nicht nur funktionierte, sondern auch solider und effizienter war als die Konstruktion des geldgierigen Jakobs.

„Es gibt keine Lebenserhaltungssysteme auf dieser Maschine“, rief der Inspektor alarmiert.

Bitter lächelnd nickte Forer-Weiss ihm zu. Er hatte kein Mitleid mit ihm. Randolf hatte sich ja längst selbst als sein Feind positioniert. Und was ihn betraf: Er wurde Teil seines Lebenswerkes und rettete es damit vor dem Schrottplatz des Universums. Er fühlte sich so frei. Er wollte lachen, aber er war zu aufgeregt.

Für den letzten Check waren die meisten Systeme bereits online gewesen. Die Konstruktion drehte sich nun in die Position, um ein vorher für Tests eingegebenes Ziel zu erreichen, das niemand außer dem Ingenieur kannte.

Nicht nur, dass keine Lebenserhaltung in die Maschine installiert worden war, es gab auch keine Dämpfungsfelder. Sich hier bei laufendem Betrieb aufzuhalten war bereits tödlich.

Der Raum begann sich zu krümmen. Die Welt verdoppelte und verdreifachte sich vor den Augen der zwei Anwesenden, überlagerte sich selbst mehrfach und drückte langsam ihre Gehirne zusammen. Forer-Weiss spürte ein letztes Mal Glück. Randolf schrie vor Schmerzen. Dann flog der Antrieb los und vaporisierte die Anwesenden dabei zu roten Wölkchen, die sich über die Wände verteilten.

Die Konstruktion wurde nie wiedergefunden. Der Forer-Weiss-Antrieb war für die Menschheit verloren. Noch heute jedoch geht das Gerücht um, dass die Forer-Weiss-Konstruktion hin und wieder wie ein Geisterschiff auf den Scannern der Raumschiffe auftaucht, wenn Gefahr droht.

Der Jakobs-Antrieb entpuppte sich als Fehlkonstruktion.

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