Zeitlupe in Frankreich

Strand

Unser Urlaub in Frankreich war immer herrlich. Sonne, Strand und warmes Wasser, dazu ein Stapel Bücher im Gepäck. Bälle und Frisbees erfüllten die salzige Luft. Schwarze Menschen in Jacken liefen über den flimmernd heißen Sand, ausgestattet mit Kisten frischer Getränke oder Koffern voller Uhren und Sonnenbrillen und priesen laut ihre Waren an.

Einmal haben wir dort eine deutsche Familie getroffen, mit denen wir uns angefreundet haben. Nie werde ich vergessen, wie Boule gespielt wurde. Bei diesem Spiel muss man mit faust-großen Kugeln nach einer besonderen, kleinen Kugel werfen. Wessen Kugel zum Schluss am nahesten an der kleinen ist, hat gewonnen. Die Kugeln sind dabei recht schwer.

Ich fand dieses Spiel langweilig und spielte nicht mit. Ich weiß noch, wie ich zwar dabei stand, aber mental vollkommen abwesend und in ganz anderen Sphären unterwegs war.

Die aufgeregten Stimmen der anderen riefen mich zurück in diese Welt, zurück ins Hier und Jetzt. Ihre Eindringlichkeit vermittelte eine akute Notfall-Situation mit sofortigem Handlungsbedarf. Die Luft war verformt von den Schallwellen, die allesamt meinen Namen ergaben.

Ich kam zurück in meinen Körper und benutzte meine offenen Augen wieder zum Sehen. Alle schauten mich an, die Augen in Angst aufgerissen, ihre Körper in Spannung vorgebeugt. Wie eingefroren. Keiner atmete.

Stillstand!

Ich liebe diese Augenblicke, in denen sich die Zeit plötzlich endlos zu dehnen scheint. Ich liebe diese einzigartige Stimmung, die sich dann in mir ausbreitet. Eine Feierlichkeit.

Eine einzige Sekunde wird zu einem endlos langen Augenblick, in dem man so viele Dinge denkt und überlegt, komplette Szenarien durchspielen kann und man sich selbst und die ganze Welt um einen herum wie in einer extremen Zeitlupe wahrnimmt.

Ich nutzte die Zeit. Ich analysierte, was das Wahrgenommene für eine Botschaft für mich bereithielt. Und obwohl ich zu dem Zeitpunkt nicht bewusst in dieser Sphäre verweilt hatte, konnte ich mich verschwommen an die Worte erinnern, die mir eben zugerufen worden waren, was ich nebenbei auch ganz faszinierend fand. Wie eine kurze Zeitreise.

Doch die Zeit im Hier und Jetzt drängte, so zäh und langsam sie auch dahin floss. Scheinbar glaubten die Schauenden, ich wäre genau an dieser Stelle stehend in großer Gefahr. Ich versuchte, mich an weitere Worte zu erinnern, doch es schien keinen Hinweis darauf zu geben, wo ich sicherer gewesen wäre. So überlegte ich eigenständig, wie zu handeln wäre. Stehenbleiben schien die schlechteste Option. Am einfachsten fühlte es sich für mich an, mich nach vorne zu bewegen. Ich hatte keinerlei Informationen über die Gefahr. Würde ich dann in sie hineinlaufen? Das konnte aber auch in jede andere Richtung geschehen. Also entschied ich mich.

Ich hatte das Gefühl, ich würde absolut unversehrt bleiben, und mit tiefer Gelassenheit bewegte ich mich zwei Schritte nach vorne. Dieser Vorgang dauerte gefühlt mein halbes Leben. Ein halbes Leben tiefer Ruhe und Gelassenheit.

Überraschung!

Die schwere Kugel schlug direkt vor meinen Füßen ein, wie ein Meteor. So schlagartig lief dann auch die Zeit wieder normal, als wäre ein Gummiband gerissen.

Wäre ich noch einen Schritt weiter gegangen, wäre die Kugel wohl direkt in meinen Schädel eingeschlagen.

Aber faktisch passiert war nichts. Allen ging es gut. Urlaub, Strand, Sonne, Meer, ein Spiel, die Möwen kreischten.

Vor Überraschung aus dem Gefühl der absoluten Unversehrtheit heraus konnte ich nur laut loslachen, wie wenn die richtig gute Pointe eines Witzes in allen Synapsen des Gehirns gleichzeitig den Schalter umlegt. Die Pointe war: Ich wäre sicherer gewesen, wenn ich einfach stehen geblieben wäre.

Mit diesen Gedanken strahlte ich die anderen beim Lachen an und versuchte, ihnen damit meine Gedanken und inneren Bilder zu vermitteln.

Die anderen atmeten jetzt wieder und bewegten sich. Wütend, aufgeregt. Hände wirbelten durch die Luft. Das war überhaupt nicht zum Lachen gewesen. Das war sooo gefährlich gewesen. Ich hätte, es hätte können, grrrr.

Aber das beeindruckte mich nicht. Dann werft nicht mit Kugeln nach mir, dachte ich. Dann sagt nicht, ich soll mich bewegen, wenn ich da sicher bin, wo ich stehe, dachte ich.

Ich war im Urlaub und es war herrlich. Sonne, Strand und warmes Wasser. Es gab keine Gefahr. Was soll ich mir da die gute Stimmung nehmen lassen von etwas, was nicht passiert war. Frech fuhr ich damit fort, mich einfach nur wohl zu fühlen.

Diese Einstellung hätte ich in meinem späteren Leben noch oft gebrauchen können, aber ich nahm ganz allmählig und unmerklich – praktisch in Zeitlupe – das „erwachsene“ Denken an, das voller ungeschehener Gefahren war, die überall lauerten. So hab ich mich in meinem späteren Leben viel mit ungelegten Eiern beschäftigt, zu denen es nicht mal ein Huhn gegeben hatte.

Ich bin jetzt wieder auf dem Weg zum Strand. Es ist so schön dort, und man kann dort genauso gut auf Gefahren reagieren wie überall anders. Vielleicht sogar besser. Ich weiß nicht genau, wann und wo die Zeitlupe am besten funktioniert.

Komm doch einfach mit! Worauf wartest Du?

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