Zwischenmenschliches

Schlangen

Das Gespräch ging jetzt schon eine Weile in der gleichen Art und Weise.

„Wie ich das an Dir hasse“, sagte sie geradezu inbrünstig angeekelt und unterstrich ihre Aussage mit einer entsprechenden großen Geste.
Er hätte gedacht, eine solche Aussage ließe ihn kalt, doch es war doch ein Stich ins Herz, und ein Schauder lief ihm über den Rücken.

„Was?“, rief er zudem vollkommen überrascht aus. „Ich mache das doch erst, seitdem Du gesagt hast, Du fändest es niedlich!“
Mit verzerrter Miene streckte sie nur die Zunge raus, um ihrem Ekel noch mehr Ausdruck zu verleihen.

„Wodurch ich aber auch den Respekt vor Dir verloren habe“, gestand er kühl mit einem ausweichenden Blick aus dem Fenster.
„Das hast Du doch wohl nicht geglaubt? Das war damals nur ein Scherz“, entgegnete sie entrüstet und beugte sich zu ihm vor.

Ihre Augenbrauen zitterten.
Seine Lippen waren schmal.
In der Ferne erklang die Sirene eines Rettungswagens.

„Deine Scherze fand ich auch oft daneben“, konterte er schließlich mit einer Enttäuschung, die schon lange darauf gewartet hatte, endlich zum Ausdruck gebracht werden zu dürfen. „Besonders die über…“, er schwieg bedeutungsvoll und blickte nach unten.

„Wie bitte?“, teilte sie nun ihrerseits Überraschung mit. „Das hab ich jedes Mal ernst gemeint!“
Die Überraschung in seinen Augen war nicht zu übersehen.
Beide mussten schlucken.

„Das hättest Du vielleicht besser kommunizieren sollen!“
„Vielleicht!“

Sie blickten sich fast entsetzt an und betrachteten die vergangenen Wochen neu, in denen sie einander offenbar in einer sich immer tiefer windenden Spirale von mehrdeutigen Formulierungen, Fehlinterpretationen und den daraus resultierenden Spannungen und Streits das Leben unnötig schwer gemacht hatten.

Das monotone Rauschen des Verkehrs von draußen schien zu verstummen, als bliebe die Welt außerhalb des Raumes stehen.
Es gab noch so viel zu sagen, aber jetzt schiegen sie und blickten sich einfach nur gegenseitig an, das innere und äußere Chaos mit neuen Augen betrachtend – und mit den Augen des jeweils anderen.

Minute um Minute verstrich, äußerlich scheinbar ereignislos.
Bis sich langsam und erst noch unmerklich ihre Mienen veränderten.

Ein dezentes Piepen ließ Thaddäus in seinem Sessel aufschrecken.
„Das macht dann 100 Euro“, murmelte er ganz automatisch noch im Halbschlaf und blickte auf.

Das Paar vor ihm schien ihn gar nicht wahrzunehmen.
Die beiden sahen sich offenbar mit neuen Augen an; mit erneut entfachten Gefühlen, die sie zu Beginn der ersten Sitzung schon für erloschen gehalten hatten.

Thaddäus lächelte zufrieden.
Er liebte seinen Job als Eheberater, und er machte ihn ganz offensichtlich gut.

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