Schriftrolle

Um den Widerstand der Bauern der Jun-Region zu brechen, hatte der Kaiser keinen Geringeren als Kiro Katano zu seinem General gemacht. Allein schon der Ruf dieses berüchtigten Söldners durchbrach Grenzlinien und marodierte die Moral des Feindes, noch bevor die Schlacht begann. Der als Menschenhasser verschriene Hüne führte seine Männer mit eiserner Hand und ließ Ungehorsam oder selbst Zögern schnell mit dem Tode bestrafen. Böse Zungen behaupteten, unter seiner Führung gab es mehr Tote in den eigenen Reihen zu verzeichnen als beim Feind – doch er hatte noch nie eine Schlacht verloren.

Die Bauerndörfer waren nicht bereit für Krieg. Ebensowenig jedoch für die Ausbeutung durch die kaiserliche Unersättlichkeit. Aber die Bauern waren keine ausgebildeten Soldaten und mussten viel Zeit auf den Feldern verbringen, um allein das Überleben zu sichern. Sie hatten nur eine einzige Waffe: Die Familie Zundalini.
Die Zundalinis waren schon immer außergewöhnliche Menschen gewesen; Bekannte Abenteurer, Erfinder, Visionäre und Künstler waren aus dieser Familie hervorgegangen. Doch sie pflegten vor allem eine ganz besondere Tradition, die seit Generationen im Verborgenen entwickelt worden war. Sie sollte heute zum Einsatz kommen.

Zargo Zundalini zündete sich in aller Ruhe eine lange Meerschaumpfeife an und zog den Strohhut tiefer ins Gesicht. Hierdurch drückten sich Hörner durch das Stroh, die sich offenbar unter dem Hut befanden. Der junge Mann lehnte sich an einen hüfthohen Grenzstein, an dem auch Schild und Schwert standen, die jedoch nur aus Holz waren. Gelassen betrachtete er aus den Augenwinkeln die sich nähernde Truppe kaiserlicher Soldaten, sowie den General, der auf einem Pferd hinter ihnen her ritt und eine prächtige und schwere Rüstung trug. Sein Helm glich einem Geweih aus Metall.

Die Truppe wurde langsamer. Die Soldaten sahen sich argwöhnisch um.
Katano lachte belustigt.

„Ist das die Armee der Bauern?“, rief der General mit außergewöhnlich tiefer Stimme. „Dann sind wir ja zum Mittagessen zu Hause. Vernichtet ihn!“

Mit einer herrischen Geste bedeutete er seinen Leuten, vorzurücken und anzugreifen. Dann drehte er sich weg, um ein kleines Buch aus der Tasche zu ziehen, in das er immer seine Siege verzeichnete.

Doch etwas Seltsames geschah.

Zargo zog die Beine hoch und machte es sich im Schneidersitz auf dem Stein bequem. Dabei streiften seine Beine Schwert und Schild, die daraufhin umfielen. Dadurch wurde der Blick frei auf den Grenzstein, der so behauen war, dass verschiedene dämonische Gesichter darauf zu sehen waren. So saß er da und zog an seiner Pfeife, als würde er sich für nichts anderes interessieren.

Die Soldaten erstarrten.

Katano bemerkte, das etwas nicht stimmte und richtete seinen Blick auf die Szene vor sich. „Tötet ihn endlich“, brüllte er in einem Tonfall, der keinen Widerstand duldete.
Nur sehr langsam bewegten sich die Männer wieder, zerstreuten sich jedoch eher, als sich geschlossen dem Feind zu nähern.

„Die Hörner“, flüsterte jemand unter den Soldaten. „Der Hut“, ein anderer und ein nächster „die Pfeife“. „Die Fratzen auf dem Stein“, ein vierter und irgendjemand erwähnte Schild und Schwert.

Wieder verharrten die Männer.

„Was ist da los?“, grollte Katano und stieg vom Pferd ab.

Ein Name wurde immer wieder geflüstert: „Shino“

Ein Soldat hatte den Mut, sich umzudrehen. „Es ist ein Dämon“, beeilte er sich zu sagen. Angst lag in seiner Stimme. „Ein mächtiger Dämon aus der siebenten Hölle. Er kann uns alle vernichten. Mit Magie. Deswegen hat er nur Spielzeugwaffen bei sich. Er braucht sie nicht.“

„Sein Rauch kann uns in Alpträume versetzen“, erklärte ein anderer, der jedoch Zargo nicht aus den Augen ließ. „Und während wir in Illusionen gefangen sind, schneidet er uns die Kehlen durch.“

„Er kann augenblicklich hunderte seiner Art herbeirufen, wenn ihm danach ist“, rief ein weiterer.

„Ich werde ihn selbst töten“, donnerte General Katano und zog einen langen, goldenen Säbel. Keine andere Waffe im Kaiserreich hatte so viel Blut gesehen wie diese Klinge.
Doch die Männer stellten sich ihm entgegen. Ungewöhnlich mutig bildeten sie augenblicklich eine undurchdringliche Mauer.

„Wenn wir ihn töten“, sagte einer der Soldaten in einem höchst eindringlichen Ton, „wird hier für Jahrzehnte nichts mehr wachsen.“

„Die Legende von Shino“, riefen zwei Soldaten, als glaubten sie, damit etwas zu erklären.

Katano sparte sich jedes weitere Wort. Er griff seine eigenen Leute an. Die ersten waren noch unvorbereitet und fielen wie Strohpuppen. Dann wurde der Kampf zäher. Doch schließlich erschlug der General auch den letzten Soldaten.

Doch auch er selbst hatte tödliche Wunden erlitten, aus denen das Blut lief. Mit zusammengebissenen Zähnen näherte er sich Zargo Zundalini.

„Welcher Macht“, fragte Katano stöhnend, aber über alle Maßen neugierig, „erlag ich heute?“

„Der Macht der Legenden“, antwortete Zargo lächelnd, stand auf, warf seinen Hut und die Hörner hinfort und eilte nach Hause, während Katano hinter ihm zusammenbrach und starb.

Zu Hause angekommen begab sich Zargo unverzüglich in die Bibliothek, in welcher sein Vater Hanazan eine Legende schrieb.

Als dieser seinen Sohn sah, drückte er ihm eine Schriftrolle in die Hand.

„Dies muss unter die Leute“, sagte er. „Es ist eine komplizierte Geschichte. Sie muss 20 Jahre im Geist des Volkes reifen.“

Zargo nickte. „Ich brauche noch eine, die heute reif ist“, entgegnete er. „Die Bauern von Lina brauchen einen Helden.“

„Ich weiß“, antwortete Hanazan mit blitzenden Augen. „Da hab ich genau die richtige Geschichte. Ich habe sie vor wenigen Jahren erst geschrieben, aber sie ist jetzt einsetzbar.“

Zargo nahm auch die zweite Schriftrolle an sich, die sein Vater ihm vor die Brust hielt, und wendete mit ihr das Schicksal eines weiteren Dorfes – denn das war, was Zundalinis traditionell machten.

Empfohlene Beiträge

Noch kein Kommentar, Füge deine Stimme unten hinzu!


Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.