Raumschiff

Wir hatten noch wenige Minuten zu leben und ich war auf dem Weg das Problem zu beheben. Doch mit einem Mal stand Groomer da und versperrte mir den Weg. Er hielt einen automatischen C-Bolzen-Schlüssel in der Hand – ein Werkzeug, mit dem die schwereren Hardish-Harzplatten befestigt wurden. Ein Werkzeug wie eine Keule. Ironischerweise befanden sich die Lebenserhaltungssysteme, die in diesem Augenblick ihre Arbeit einstellten, genau hinter solchen Platten. Die Luft schmeckte bereits gefährlich sauer.

Groomer drückte mir den Schlüssel gegen die Brust. Er sah wütend aus; sein Gesicht rot, die Augenbrauen tief runtergezogen, seine Kiefermuskulatur arbeitete schwer, ohne dass er dabei etwas aß.

Ich machte eine abwehrende Bewegung und wollte sagen, dass es gerade ein ungünstiger Zeitpunkt war zum Reden.

„Es ist immer gerade ungünstig, nicht wahr“, nahm mir Groomer die Worte aus dem Mund, „vor allem seit Du mir Deva ausgespannt hast.“

Die Notfall-Beleuchtung wurde aktiviert und tauchte den Gang zum Kontrollzentrum in rotes Licht. Ein sanfter aber eindringlicher Glockenton ging durch das Schiff, alle paar Sekunden wieder. Groomer schien das gar nicht zu bemerken.

Groomer drückte ab. Es war kein Bolzen in seinem Schlüssel, aber ich spürte die Kraft, mit welcher das Werkzeug im Inneren reagierte und zuckte reflexartig zusammen.

„Deva hat ihren eigenen Willen, Groo“, verteidigte ich mich. „Und sie kam nicht mit deinen Wutausbrüchen klar! Ihr wärt nicht zusammengekommen.“

Groomer schüttelte den Kopf. Seine Kiefer arbeiteten schwerer.

„Wir hätten eine Chance gehabt“, grollte er und schaute mich plötzlich unverhohlen hasserfüllt an. „Wärst Du nicht gewesen!“

„Groomer, die Lebenserhaltung versagt gerade“, platzte es aus mir heraus. Panik stieg in mir auf. Ich wusste, wie wenig Zeit uns noch blieb.

Groomer nickte, ließ den Schlüssel sinken und drehte sich ein wenig weg. Er schien zu lauschen.

„Meine schon lange“, sagte er und wurde ruhig. Aber es war eine Ruhe, die einem nur Angst machen konnte. Mir wurde heiß und kalt.

„Deine auch gleich“, flüsterte er und schlug zu. Der C-Bolzen-Schlüssel traf mich mit aller Wucht an der Schläfe.

In diesem Augenblick schaltete die künstliche Schwerkraft ab. Ich rotierte um alle drei Achsen um mich selbst, bis ich gegen die Wand prallte. Oder war es die Decke?

Es kribbelte am Kopf. Ich blutete wahrscheinlich. Für einen Augenblick war ich benommen, nahm kaum wahr, was um mich herum geschah. Die plötzlich versagende Schwerkraft machte es nicht besser.

Ich sammelte mich und schaute wieder zu Groomer. Er stand noch an seinem Platz. Seine Schuhe hatten ihre Magnetfunktion aktiviert, im Gegensatz zu meinen.

Groomer lächelte siegessicher. Er hielt den Schlüssel wie eine Waffe.

„Wir werden gleich alle sterben, Groomer“, stöhnte ich und versuchte möglichst schnell wieder zu Verstand zu kommen.

„Ich bin schon längst gestorben“, entgegnete der nur trocken, wurde dann jedoch emotional. Tränen standen ihm in den Augen. „Es kann sehr einsam werden im Weltraum.“

„Tut mir leid“, sagte ich in einem verzweifelten Versuch, die Situation unter Kontrolle zu bringen.

Groomer schrie in blinder Wut, sein Gesicht färbte sich purpur, zu einer Fratze verzerrt. Das war offensichtlich nicht das, was er von mir hören wollte.

Kraftvoll warf er den schweren Schlüssel von sich. In gerader Linie flog dieser durch den Gang, an mir vorbei. Ich hörte, wie er hinter mir gegen die Wände schlug. Es dröhnte in meinen Ohren.

Ich weiß nicht, ob das Werkzeug dort irgendeine Schaltfläche getroffen hat. Alles flimmerte vor meinen Augen. Aber ich hörte, dass mit einem Mal die Luft abgesaugt wurde.

Durch einen Schleier blickte ich in Groomers überraschtes Gesicht. Als hätte ich es ihm nicht gesagt.

Das war das letzte, was ich sah, denn dann ging das Licht aus und ließ uns in völliger Dunkelheit zurück. Nur ein paar Sterne waren durch das Fenster zu sehen. Sie wirkten eiskalt und schienen vollkommen unbeteiligte Zeugen unseres Todes zu sein.

Ich hoffte, Groomer würde seine letzten Augenblicke damit verbringen, seine Handlung zu bereuen und sein gesamtes Leben noch einmal zu überdenken, für dessen unglücklichen Verlauf er viel zu oft anderen Leuten die Schuld gegeben hatte.

Gleichzeitig dachte ich:

Was für bescheuerte letzte Gedanken!

Empfohlene Beiträge

Noch kein Kommentar, Füge deine Stimme unten hinzu!


Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.