Der letzte Riesenbär

Baer

Kapitel 1 – Das Monster und das kleine Mädchen

Daioo war der letzte der Riesenbären. In den ersten Sonnenstrahlen des Tages saß er auf seinem Felsen und pflegte sein graues, von Narben durchzogenes Fell.

Riesenbären waren nicht einfach nur besonders große Bären. Unter ihrem feuerfesten Fell hatten sie einen Panzer aus natürlich verstärkten Hautplatten, ihre Zähne waren länger und stärker als die von normalen Bären und ihre Krallen durchschnitten einfach alles, auch ohne die gewaltige Kraft, die zusätzlich dazu in den Muskeln dieser Wesen steckte. Weder Eis noch Feuer konnten ihnen etwas tun und sie schienen jahrelang schlafen zu können, ohne etwas zu essen. Man vermutete sogar, dass Riesenbären Drachenblut in sich trugen.

Daioo war alt. Seine Augen, einst feurig rot wie glühende Kohlen, erloschen langsam und wurden von einer dünnen weißen Schicht überzogen. Er bewegte sich langsam und wenig und kümmerte sich nur um seine eigenen Angelegenheiten. Er wusste, dass er keine natürlichen Feinde hatte und schenkte seiner Umwelt keine Beachtung mehr.

Bis eines Tages Daiooko vor ihm stand. Ein junges Mädchen – kein halber Mund voll, wie Daioo sagen würde – stemmte die Fäuste in die Hüfte und baute sich vor ihm auf. Ihre grüne Kinderkleidung war der Kleidung von Jägern nachempfunden, ihr schwarzer Zopf schien ein Eigenleben zu besitzen und wippte die ganze Zeit über hin und her. Ihre strahlend grünen Augen funkelten den Riesenbären wütend an. Sie schien darauf zu warten, dass Daioo ihr seine Aufmerksamkeit widmete.

Daioo leckte sich eigentlich gerade die riesige Pranke sauber, aber er wäre dabei lieber für sich gewesen. In der Hoffnung, dem Mädchen Beachtung zu schenken würde es schnell wieder verschwinden lassen, drehte er sich zu ihr.

„Ja?“, fragte er mit einer tiefen Stimme, die man als Mensch in den Knochen spürte. Und für einen Augenblick war Daiooko eingeschüchtert. Doch schnell gewann sie ihre Fassung zurück und zeigte anklagend auf den Riesenbären.

„Du hast unserem Doft das Wasser geklaut und ich fordere es hiermit zurück“, rief das Mädchen tapfer und streckte das Kinn vor.

Daioo bewegte seinen großen Kopf zu ihr. Daiooko machte einen kleinen Satz zurück, in der Erwartung, von dem Riesenbären gefressen zu werden. Doch der musterte sie nur aus müden Augen.

„Hab ich nicht“, widersprach er ihr schließlich, „und jetzt lass mich in Ruhe.“

Für Daioo war die Angelegenheit erledigt und er drehte sich wieder weg, um seine Tatze zu säubern.

„Man hat Dich in der Nähe unseres Dorfes gesehen“, rief das Mädchen, doch er ignorierte es.

„Monster wie Du machen immer Ärger“, fügte sie hinzu, doch Daioo lächelte nur milde.

Ein kleiner Stein traf ihn an der Nase, genau auf die Spitze. Ohne die Tatzenpflege zu unterbrechen, drehte Daioo den Kopf so weit, dass er sehen konnte, woher der Stein gekommen war. Das Mädchen war noch da, und es hielt eine Steinschleuder in der Hand. Der Riesenbär widmete sich wieder seiner Tatze. Ein weiterer Stein traf ihn an exakt der gleichen Stelle. Und dann noch einer. Und ein weiterer. Immer wieder auf die exakt gleiche Stelle. Der Riesenbär rollte mit den Augen, ignorierte das Mädchen jedoch weiter.

Als ihm dann ein Stein direkt ins Nasenloch geschossen wurde, stand er plötzlich genervt auf. Er schnaubte den Stein dabei aus, und dazu noch andere Sachen, vor denen sich das Mädchen sichtlich ekelte. Dann marschierte er bedrohlich auf Daiooko zu, die Angst bekam und zurückwich.

„Bist Du noch bei Sinnen“, brummte Daioo gefährlich. „Ich habe Dir gesagt, ich habe nichts mit deinen Belangen zu tun. Wenn es so wäre, würde ich es Dir sagen und Dich anschließend fressen. Und jetzt verschwinde!“

Er drückte Daiooko mit der Tatze gegen einen Felsen, zwei Krallen links und rechts von ihrem Kopf.

„Ich kann nicht“, flüsterte das Mädchen.

Daioo ließ von ihr ab. Mit einer Kopfbewegung bedeutete er ihr, zu gehen.

„Ich kann nicht“, wiederholte das Mädchen und brach in Tränen aus. „Wir brauchen das Wasser!“

Daioo drehte sich wieder um und machte Anstalten, sich hinzulegen. Hinter ihm ließ sich Daiooko zu Boden fallen, was ihn nicht weiter kümmerte.

„Und ich brauche was gegen die Schmerzen“, brummte Daioo missmutig, „aber mir hilft auch keiner. Du bist klein und wehrlos, das ist Dein Glück. Aber jetzt lass mich besser in Ruhe, sonst …“

„Wenn meine Oma Schmerzen gehabt hat, ging sie immer in die Lavahöhlen“, schniefte Daiooko und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

Daioo stoppte mitten in der Bewegung.

„Lavahöhlen?“, fragte er mit plötzlichem Interesse und drehte den Kopf.

Daiooko schniefte und nickte. Einer plötzlichen Eingebung folgend, sprang sie auf die Füße.

„Ich zeig Dir, wo sie sind“, schlug sie vor, „und Du hilfst mir mit unserem Wasser!“

Daioo schüttelte sich. Vorsichtig, denn die Schmerzen plagten ihn tatsächlich.

„Wie soll ich Dir helfen?“, fragte er. „Ich weiß nichts über das Wasser von Deinem Dorf und kann sicher nichts ausrichten.“

„Du kannst es wenigstens versuchen“, schimpfte Daiooko mit ihm. „Sonst schieße ich eben Steine auf Deine Nase, bis Du mich frisst. Und dann wirst Du nie erfahren, wo die Lavahöhlen sind! Ich weiß nicht, was ich sonst tun soll…“

Sie wollte sich ihm nähern, musste dann aber einen Bogen machen um das Zeug, was der Riesenbär aus seiner Nase geschnaubt hatte.

Das Mädchen stellte sich in sein Blickfeld und schaute ihn flehend an.

„Bitte“, sagte sie sanft. „Ich helfe Dir auch zuerst. Wir gehen erstmal zu den Höhlen“, schlug sie vor.

Daioo schloss die Augen und überlegte.

„Dann muss ich Dich wohl auf den Rücken nehmen, sonst sind wir womöglich Tage unterwegs“, erklärte er. Wie weit -„, wollte er gerade fragen, wurde jedoch unterbrochen:

„Kommst Du?“, rief Daiooko, die schon vorgelaufen war und sich unerwartet schnell entfernte. In Daioos müden Augen war sie nur ein kleiner Fleck in der Landschaft, aber irgendwie wirkte sie trotzdem auf einmal größer.

Kapitel 2 – Die Lavahöhlen

„Ich kenne diese Höhlen, hier gibt es nichts von Interesse“, grummelte Daioo, als das Mädchen ihn tiefer in die Höhlen führte. Seine Stimme hallte von den Wänden wieder, wodurch er noch viel bedrohlicher klang.

Daiooko aber sagte unbeirrbar: „Hier geht es lang. Du wirst schon sehen!“

Sie führte ihn tiefer und tiefer, an diversen Abzweigungen vorbei, immer tiefer in ein Labyrinth aus unterirdischen Gängen und Höhlen, in denen man sich augenblicklich verlaufen würde, wenn man sich hier nicht auskannte. Phosphorisierende Pilze an den Steinwänden gaben ein sanftes Licht ab. Hier und da konnte man immer wieder einen Tropfen fallen hören. Die Echos sprangen von Wand zu Wand.

„Wie heißt Du überhaupt?“, fragte der Riesenbär.

„Daiooko“, sagte Daiooko.

Der Riesenbär blieb stehen.

„Das heißt ‚Kind von Daioo'“, übersetzte er ihren Namen.

„Ja, genau“, bestätigte Daiooko nickend. „Und wie heißt Du?“

Daioo zögerte.

„Daioo“, sagte er schließlich verlegen.

Daiooko war so überrascht, dass sie den Halt verlor und den nächsten steil abfallenden Gang einfach herunterrutschte.

Mit einem Satz war Daioo da, wo eben noch die kleine Jägerin gestanden hatte. Ein Hauch heißer Luft wehte ihm ins Gesicht.

„Oooh“, sagte er in angenehmer Verwunderung.

„Und Daioo heißt ‚großer König'“, meldete sich die Stimme der kleinen Jägerin von unten.

Langsam stieg er hinab. Daiooko hatte sich bereits wieder aufgerappelt. Eine riesige Höhle tat sich vor ihnen auf. Kristalle an den Wänden leuchteten in allen Feuerfarben und tauchte den Ort in eine atemberaubende Atmosphäre.

„Hier ist nur heiße Luft. In der nächsten Höhle bekommst Du aber bereits Lava zu sehen“, versprach das Mädchen und lief vorweg.

Der Riesenbär stand noch still und staunte über den Anblick, als das Mädchen schrill kreischte.

Blitzschnell stürmte ein außergewöhnlich großes, langbeiniges Etwas aus einem Seitengang, packte die kleine Jägerin, durchquerte mit ihr die Höhle und drückte sie gegen die nächste Wand. Die messerscharfen Krallen bohrten sich in Daiookos Schultern und schnitten Wunden in ihr Fleisch.

„Was haben wir denn hier“, zischte das Wesen. Diese Wesen wurden ihrer Zeit Göttinnen genannt. Es gab nur weibliche. Ganz kleine Versionen dieser Rieseninsekten wurden Gottesanbeterinnen genannt, von denen es auch männliche gab, die aber nach der Paarung von den Weibchen gefressen wurden. „Frühstück“, zischte das Wesen und legte den Kopf auf die Seite. Ein furchterregender Unterkiefer klappte nach unten und hakte sich aus, um die Mundöffnung noch zu vergrößern. Kleine spitze Beißwerkzeuge waren bereit, das Mädchen mundgerecht zu zerlegen.

Der Riesenbär schrie wütend auf, was gerade in dieser Höhle unglaublich Eindruck machte. Ein Erdbeben hätte nicht gewaltiger wirken können. Daioo stürmte auf die Göttin zu, die überrascht die kleine Jägerin zu Boden fallen ließ, was Daioo noch wütender machte.

„Gleich eine ganze Mahlzeit“, gierte das riesige Insekt furchtlos und hob die Arme, die sehr viel Ähnlichkeit mit gezackten Schwertern aufwiesen.

Riesenbär und Göttin prallten aufeinander. Zischen und Brüllen erfüllte die Höhle.

Benommen sprang Daiooko auf die Beine, zog ihre Schleuder, hob einen Stein auf und schoss. Das ganze geschah in einer flüssigen Bewegung, die offenbar ganz reflexartig und ohne Nachdenken passierte. Obwohl sich Daioo und die Göttin in ständiger Bewegung befanden, traf der Stein zielsicher den Kopf des Insektes.

Die Göttin bekam Gelegenheit, einen ihrer Schwertarme in Daioos Fell zu stoßen. Er brüllte. Die kleine Jägerin schoss einen weiteren Stein gegen den Kopf der Göttin.

Das Rieseninsekt hatte den vor Schmerzen stöhnenden Riesenbären im Griff und drehte den Kopf zu Daiooko, verfolgte sie sogar mit den Augen, während sie bereits hinter der Göttin zum Stehen kam. Daiooko sah keine andere Chance, als stehen zu bleiben und einen ungeschützten Schuss abzugeben. Sie nahm sich sogar noch einen winzigen Augenblick mehr Zeit, um genau zu zielen. Der Stein traf das Auge der Göttin, das augenblicklich rot anlief. Mit einem Zischen trat das Insekt nach Daiooko, die im hohen Bogen davon flog und zu Boden stürzte.

Daioo jedoch gewann dadurch Zeit, und er nutzte sie. Noch bevor die Göttin ihren Kopf wieder zu ihm gedreht hatte, biss er ihr den Arm ab, der in seinem Körper steckte und mit zwei gezielten Prakenhieben schnitt er durch ihren Brustpanzer. Unter Zischen und Fiepsen floh das Insekt zurück in den Gang, aus dem es gekommen war.

Daioos erstes Impuls war, ihr hinterher zu stürmen. Doch dann riss er sich erstmal den Schwertarm aus dem Körper, und ehe er sich versah, beugte er sich auch schon sorgenvoll über Daiooko.

„Es geht mir gut“, flüsterte die junge Jägerin. Er begutachtete sie. Sie blutete am Bauch und an den Schultern, ihr Kleidung war zerrissen und schmutzig. Ihr Zopf hatte sich aufgelöst, schwarze Strähnen hingen ihr ins Gesicht.

„Es sieht schlecht um Dich aus“, brummte der Riesenbär sanft. „Ich glaube, Du stirbst.“

„Es geht mir gut“, stöhnte Daiooko und versuchte, sich zu bewegen. Sie zitterte nur vor Schmerzen und bekam ihre Gliedmaßen nicht unter Kontrolle.

„Ich gehe besser ohne Dich weiter“, widersprach Daioo und drehte sich weg.

„Es geht mir gut!“, schrie die Jägerin durch zusammengebissene Zähne und sprang auf die Beine.

Der Riesenbär lächelte.

Kapitel 3 – Daioo und Daiooko

„Das war das Werk von Göttinnen“, erklärte Daioo.

Sie waren eine Weile gemeinsam nach oben gehumpelt und an einen unterirdischen Fluss gekommen. Hier war es wieder kühl. Selbst das fahle Licht der phosphorierenden Pilze war in einem kühlen Blau gehalten. Ein Staudamm war hier errichtet worden, der das Wasser des Flusses umleitete. Große Steinbrocken waren mit einer klebrigen Masse zu einer Mauer geformt worden. Eine klebrige Masse, wie sie von Göttinnen hergestellt wurde.

„Das Wasser führt jetzt vermutlich zu einem Nest von Göttinnen“, mutmaßte der Riesenbär. „Wenn wir das Wasser dauerhaft wieder umleiten wollen, dann werden wir sie wohl bekämpfen müssen.“

Er sah sich selbst an, dann die Jägerin. Beide waren in einem schlechten Zustand.

„Wir brauchen das Wasser“, stöhnte Daiooko verzweifelt.

Langsam stieg der Riesenbär ins Wasser. Er fing vorsichtig an, Gesteinsbrocken aus der Mauer zu lösen. Immer mehr Wasser durchbrach die Barriere, welche die Göttinnen aufgebaut hatten.

Der Fluss entwickelte eine Strömung, gegen die Daioo ankämpfen musste, um wieder aus dem Wasser zu steigen. Das kalte Wasser hatte ihm immerhin das klebrige Blut aus dem Fell gespült, stellte er fest. Dann schauten beide dabei zu, wie die immer stärker werdende Strömung immer mehr von der Mauer löste und hinfortspülte. Und schließlich nahm der Fluss wieder seinen natürlichen Lauf.

„Siehst Du“, triumphierte die Jägerin. „Ich hab Dir geholfen und Du hast mir geholfen.“

„Es ist noch nicht vorbei“, mahnte Daioo. „Damit ihr dauerhaft Wasser habt, und ich meine Ruhe -„

Daiooko unterbrach ihn: „Werden wir bald gemeinsam die Göttinnen aus den Höhlen vertreiben. Dann haben wir unser Wasser, und Du kannst in den Lavahöhlen wohnen. Und ich komme Dich regelmäßig besuchen.“

Daioo wendete den Kopf hin und her.

„Ich hab gerne meine Ruhe“, brummte er.

„Dann werde ich Dich nur jeden zweiten Tag besuchen“, schlug Daiooko vor und streichelte die Nase des Riesenbären.

„Einverstanden“, sagte dieser und überraschte sich damit selbst. Das Streicheln seiner Nase gefiel ihm. Er schloss die Augen.

„Danke“, brummte er leise, und sie nahm ihn wortlos in den Arm. Jedenfalls so gut, wie ein kleines Mädchen einen Riesenbären in den Arm nehmen konnte.

„Danke“, flüsterte sie ihrerseits.

Dann sanken sie beide vor Erschöpfung zusammen und schliefen ein.

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