Ein Augenblick Menschlichkeit

Lavendel

Herr Doktor Turus von der Turus AG ging in der Mittagspause in den Park am Klinikum, denn die Sonne schien und die Vögel zwitscherten. Seine handgefertigten und frisch polierten Schuhe glänzten in der Sonne, und sein neuer maßgeschneiderter Anzug aus Italien hatte einen ganz besonderen Glanz. Seine weißen Haare saßen wie frisch geschnitten.

An der Weggabelung schob er seine dezent gehaltene goldene Brille ein wenig höher und blickte nach links und rechts. Links stand eine leere, saubere Bank aus Aluminium. Rechts stand eine alte, verwitterte Bank aus Holz, im Laufe der Zeit grün geworden. Ein kleines Mädchen im Blümchenkleid saß auf der Bank und genoss einen Lutscher. Der Wind spielte mit ihren schulterlangen blonden Haaren.

Herr Turus ging nach links und setzte sich auf die Bank aus Aluminium, zog sein Handy heraus und begann damit, sich auf die Nachrichten zu konzentrieren. Ein Schmatzen lenkte ihn ab. Er blickte nach rechts. Das kleine Mädchen hatte sich geräuschvoll den Lutscher aus dem Mund gezogen und betrachtete nun intensiv die leuchtend rote Kugel. Dann blickte sie nach links. Ihre Blicke trafen sich.

Die Wangen des Mädchens fingen an zu glühen, fast so rot wie der Lutscher. Sie begann, mit ihrem ganzen Wesen zu strahlen und winkte Herrn Doktor Turus mit aller Herzlichkeit zu. Sie hielt ihren Lutscher in die Luft, als wolle sie ihn den Herrn Doktor anbieten. Unwillkürlich musste er lächeln. Sie hörte nicht auf, den Lutscher in die Luft zu halten. Herr Doktor Turus stand schließlich auf und schritt langsam zur Holzbank rüber.

„Darf ich?“, fragte er höflich und deutete auf den Platz neben dem kleinen Mädchen. Es nickte fröhlich. Noch immer hielt es ihm den Lutscher entgegen.

Herr Doktor Turus setzte sich und atmete tief ein. Seine Augen weiteten sich. „Lavendel“, beschrieb er den Duft, den er wahrnahm und drehte sich um. Tatsächlich wuchsen entsprechende Pflanzen hinter der Holzbank. Während er sich umdrehte, beobachtete das Mädchen seine Hose.

„Du wirst ganz grün“, kommentierte sie amüsiert und deutete auf die entsprechenden Stellen.

Herr Doktor Turus nickte gelassen, lächelte und fühlte sich augenscheinlich eher etwas bedrängt durch den Lutscher, der ihm nun fast schon im Gesicht klebte. Beherzt griff er zu und steckte sich den Lutscher in den Mund.

„Erdbeere“, sagten beide gleichzeitig. Sie kicherte.

„Ich bin Tschosie“, sagte Josie und blickte Herrn Doktor Turus auf einmal schüchtern aus dem Augenwinkel an, „und wie heißt Du?“

Es schien, als müsse Herr Doktor Turus erstmal einen langen Augenblick über diese Frage nachdenken. „Torben“, antwortete er schließlich.

„Bist Du auch hier, weil Du sterben musst?“, fragte Josie neugierig. Auch ein wenig Traurigkeit schien in ihrer Stimmt mitzuschwingen. Und etwas Angst.

Torben Turus lächelte verunsichert. „Wir müssen alle -„, begann er, doch dann schien ihm ein Licht aufzugehen. Schockiert schaute er in Richtung Klinikum. „Nein“, antwortete er schließlich leise. Fast kleinlaut.

„Ich bin weggelaufen“, erklärte Josie, „weil ich nochmal draußen spielen wollte, bevor die Behandlungen anfangen. Die sind so anstrengend. Und ich weiß gar nicht, warum ich nicht einfach draußen bleiben darf, wenn ich sowieso sterbe.“

Trotzige Tränen glänzten in ihren Augen.

„Es besteht immer Hoffnung“, erklärte Torben sanft und bestimmt. „Wir tun unser Bestes, damit Du noch lange lebst!“

„Du?“, fragte Josie erstaunt. „Bist Du Arzt?“

„Ich arbeite in der Forschung“, antwortete Torben. „Wir arbeiten jeden Tag daran, dass auch besonders kranke Menschen wieder gesund werden.“

Josie stand auf und stellte sich aufrecht vor Torben. „Dann werde ich leben“, erklärte sie bestimmt, fuhr sich mit der Hand durch die Haare und streckte die Hand dann fordernd aus.

Torben gab ihr den Lutscher wieder.

„Danke“, sagte Josie leise und ernst, drehte sich um und rannte in Richtung Klinikum davon.

Viele Jahre später übernahm sie die Tschosie-Stiftung, die von ihrem jahrelangen Mentor, Herrn Doktor Doktor Torben Turus, gegründet worden war, um alternative Methoden zur Strahlungs- und Chemotherapie zu erforschen, die schwer krebskranken Kindern eine Chance auf Leben ermöglichen sollten.

Torben Turus starb im Alter von 85 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Wir werden seiner liebevoll gedenken.

Wir müssen alle sterben. Aber was zählt, ist, wie wir leben!

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