Der doofe Affe

Der doofe Affe

Verärgert wachte Limbo auf. Die Sonne schien, was ihm gar nicht passte. Eulen waren nachtaktiv und hatten am Tag zu schlafen. Doch Erschütterungen gingen durch seinen Baum und laute Geräusche drangen an sein Ohr. Er beugte sich vor, um der Wurzel des Übels auf den Grund zu gehen. Er machte große Augen. (Das machen Eulen eigentlich immer.)

Überrascht wurde er Zeuge, wie ein Affe seinen Kopf immer wieder gegen den Baumstamm schug. Limbos Ärger war für einen Augenblick verflogen. Neugierig hüpfte er ein paar Äste herunter. Dann schaute er nochmal. Tatsächlich, ein Affe. Und noch immer schlug er seinen Schädel gegen den Stamm von Limbos Baum. Die Eule hüpfte noch ein paar Äste tiefer und räusperte sich, um die Aufmerksamkeit des Affen auf sich zu lenken. Doch vergeblich.

„Was machst Du da?“, fragte Limbo schließlich vorsichtig den Affen.
„Ich bestrafe mich“, knurrte der Affe grimmig, ohne dabei auch nur aufzuschauen oder mit seiner Tätigkeit aufzuhören.
Limbo dachte über die Worte des Affen nach. So waren Eulen, sie dachten gerne lange über alles nach. Aber weil Limbo gerne weiterschlafen wollte, dachte er dieses Mal ein wenig schneller.

„Warum?“, fragte er.
„Ich bin so doof“, rief der Affe, und er schlug mit noch mehr Nachdruck seinen Kopf gegen den Baum.
Limbo rollte mit den Augen. Das ging in die falsche Richtung, dachte er bei sich.

„Den Kopf gegen den Baumstamm zu schlagen ist jetzt tatsächlich nicht das Schlauste“, murmelte Limo in sich hinein.
„Siehst Du, sag ich doch“, knurrte der Affe, der das unbeabsichtigterweise gehört hatte.

Limbo hüpfte noch ein paar Äste tiefer. Und dann erkannte er den Affen.

„Warte mal“, rief er und zückte seine Brille, denn er war schon ein wenig älter. Eulen waren eigentlich bekannt dafür, ausgezeichnet zu sehen, doch das Alter hinterlässt bei uns allen seine Spuren. „Bist Du nicht Babolo, der Forscher und Erfinder?“
„Ja, das ist richtig“, knurrte der Affe Babolo. Für einen Augenblick hielt er inne, dann machte er einfach weiter mit seiner Tätigkeit.
Doch Limbo hielt diese kurze Unterbrechung für ein gutes Zeichen.

„Und Du sagst, Du bist doof?“, fragte Limbo.
„Ja“, antwortete Babolo und schien zu nicken, während er mit seiner Prozedur fortfuhr.

Limbo bekam langsam Angst, nicht mehr zu seinem Schlaf zu kommen und wollte das Gespräch beschleunigen.
„Bist Du nicht der Erfinder des Waldbusses?“, fragte er und deutete auf einen Waldbus, den er gerade in der Entfernung durch die Baumkronen erkennen konnte.

„Hm-hm“, brummte der Affe bestätigend.

Der Waldbus bestand aus einem Haufen hohler Baumstämme, der mit Seilen aus Flachs zusammengehalten und von kräftigen Hirschen durch den Wald gezogen wurde. In den Baumstämmen ließen sich allerlei Tiere durch den Wald transportieren. Manche waren krank oder müde, andere bedienten sich des Komforts oder der Nützlichkeit, die der Bus für sie bot. Dafür bezahlten sie die Hirsche mit allerlei Leckereien. Alle waren sich darüber einig, dass der Waldbus die beste Erfindung seit den fliegenden Affen gewesen war. Das brachte Limbo auf einen anderen Gedanken.

„Und hast Du den Affen nicht das Fliegen beigebracht?“, fragte er und schaute zum Himmel. Über ihren Köpfen flogen die Affen über den Wald. Sie transportierten alles, was gerade irgendwo gebraucht wurde. Sie waren der Lieferservice des Waldes, und alle Tiere waren sich darüber einig, dass nichts diese Erfindung hätte übertreffen können, außer natürlich das Mycellophon.

„Ja, ja“, winkte der Affe unwirscht ab und machte dafür sogar kurz eine Pause.

„Und das Mycellophon“, rief Limbo bei dem Gedanken daran.

Denn Babolo hatte bestimmte Pilze dazu gebracht, für eine Gabe entsprechender Nährstoffe zu vibrieren und damit Töne von sich zu geben. Auf der einen Seite des Waldes konnte man in die Pilze hineinsprechen, und auf der anderen Seite des Waldes vibrierten andere Pilze und gaben damit die gesprochenen Laute dort wieder. Das unterirdische Netz der Pilze durchzog den ganzen Wald, und so konnte seitdem jeder mit jedem sprechen. Und jeder im Wald stimmte vollkommen darin überein, dass dies die absolut beste Erfindung der Welt sei, aber dass die anderen 625 Erfindungen von Babolo allesamt fast genau so genial waren und das Leben des Waldes und seiner Bewohner auf so vielfältige Art und Weisen erleichtert und verschönert hatten.

„Richtig, auch das“, grollte der Affe.

„Wie kannst gerade Du denn jetzt glauben, dass Du doof bist, Babolo?“, fragte Limbo verwirrt. Er drehte seinen Kopf seitlich, und er drehte ihn weiter und weiter, so dass die Welt aus seiner Sicht schließlich auf dem Kopf stand. Doch es machte trotzdem keinen Sinn für ihn.

„Ich schaffe es nicht, das ewige Leben zu erfinden“, rief der Affe Babolo verzweifelt und schlug jetzt richtig fest seinen Kopf gegen den Baumstamm. Baumrinde platze ab und flog umher. Aufgeregt hüpfte Limbo hin und her und machte beschwichtigende Gesten, die Babolo aber nicht sah, weil er die Augen zusammengekniffen hatte.

„Das ist doch nicht schlimm“, entgegnete Limbo flink, um wieder Herr der Lage zu werden.
Das Beben hörte auf.
Babolo schaute verwirrt zu ihm hoch und kniff argwöhnisch die Augen zusammen.
„Ist es nicht?“

„Nein, nein“, sagte Limbo in einem beruhigenden Tonfall und fühlte, dass er nun die Kontrolle wieder zurück gewann. „Ich glaube ja“, sagte die Eule im neunmalklugen Ton, schob die Brille etwas höher und ging in die Denkerpose, in die Eulen immer gehen, wenn sie etwas erklären, „dass ewiges Leben gar nicht vorbestimmt ist. Denn dann bleiben wir ja immer alle gleich und das Leben kann sich nicht mehr weiterentwickeln.“

„Das habe ich gar nicht bedacht“, murmelte Babolo in sich hinein und dachte offenbar gründlich darüber nach.

Limbo nickte zufrieden und war stolz auf sich. Er steckte seine Brille ein und machte eine ausladende Geste, die aussagen sollte, dass nicht jeder so weise wie eine Eule sein konnte.

„Ich bin so doof“, brüllte der Affe schmerzerfüllt und schlug ein letztes Mal mit aller Kraft seinen Kopf gegen den Baumstamm, bevor er umfiel und das Leben in seinen Augen erlosch.

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